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Nr. 1 / 2020

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Manchmal lösen auch

Manchmal lösen auch angelernte Ekelgefühle Zwänge aus, die für Betroffene ebenfalls eine regulierende Funktion haben. Gibt es eine Prophylaxe? Es ist sicher wichtig, einem Kind Flexibilität im Umgang mit Regeln vorzuleben. Wir merken bei unseren Patienten, dass sie ein sehr starres Weltbild haben und hohe Leistungsansprüche an sich stellen. Das wird in der Regel von den Eltern vorgelebt. Was passiert, wenn ein Fehler gemacht wird? Lernt ein Kind, dass ein Fehler zu machen oder schuldig zu sein, etwas ganz Schlimmes ist – oder wird ihm vorgelebt, dass alles verzeihbar ist und die Welt nicht gleich untergeht? Können bei einem Kind Zwänge auch durch Rituale ausgelöst werden? Rituale sind per se etwas sehr Gutes. Es sind Situationen, die voraussehbar sind und deshalb Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Negativ wird es, wenn ein Ritual in einer allzu starren Form stattfindet. Es wird gefährlich, wenn das Ritual so stark ist, dass es unbedingt immer und immer wieder genau gleich gelebt werden muss; oder das Ritual so rigide ist, dass überhaupt keine Flexibilität mehr möglich ist. Wenn ein Kind keine kleine Änderung des Rituals akzeptiert und stur bleibt, kann sich ein Zwang so entwickeln. Wichtig ist, innerhalb der Rituale eine gewisse Flexibilität zu bewahren – sowohl aus der Sicht der Eltern wie auch aus der des Kindes. Zwänge treten häufig im jungen Erwachsenenalter auf. Oft werden kindliche Rituale nicht abgelegt und dadurch sogar verstärkt. Sind mehr Frauen oder Männer betroffen? Zwangsstörungen treten bei beiden Geschlechtern etwa gleich häufig auf. Allerdings sehen wir in der Therapie mehr Frauen, diese trauen sich oftmals früher in eine Behandlung zu kommen. Wann kommen Betroffene zu Ihnen? Statistisch gesehen etwa nach sieben bis zehn Jahren. Das dauert so lange, weil die Scham gross ist und Fachleute die Störung nicht immer als solche erkennen. Ein Hausarzt zum Beispiel wird selten mit diesem Krankheitsbild konfrontiert. Deshalb ist Aufklärungsarbeit so wichtig. Je früher eine Zwangsstörung erkannt und therapiert wird, desto grösser ist die Heilungschance. Ist Ihren Patienten bewusst, was sie tun? In den allermeisten Fällen sind sie sich bewusst, was sie tun. Sie wissen auch, dass ihre Handlungen sinnlos sind. Deshalb ist die Scham auch so gross und der Weg lang, bis sie sich endlich Hilfe holen. Manche Patientinnen und Patienten duschen oder waschen sich die Hände auch bei Therapiebeginn stundenlang. Das nimmt viel Zeit in Anspruch und schädigt natürlich auch die Haut. Viele Hände bluten mit der Zeit und verursachen grosse Schmerzen, wenn sie sich zwanghaft die Hände desinfizieren. Das sind Folgeerscheinungen, die zusätzlich belasten. Wie sieht eine Therapie aus? Zuerst führen wir ein Gespräch und diagnostizieren die Krankheit. Wir erklären betroffenen Menschen, was in ihnen effektiv abläuft. So wird klar, wo der Zwang herkommt und mit welchen Lernprozessen er verbunden ist. Anschliessend erarbeiten wir den Zwangsgedanken und suchen nach Lösungen, wie wir mit diesen Gedanken anders umgehen könnten. Dann gehen wir in die Handlungen rein und machen sogenannte Expositionsübungen. Mit diesen Übungen wird versucht, die Zwangshandlung zu verhindern. Diese Übungen sind sehr wirkungsvoll und erfolgreich. Wir haben in unserer Klinik 16 Therapieplätze, wo stark Betroffene stationär behandelt werden. Nach zwölf Wochen wird die Therapie ambulant weitergeführt. Bei den meisten Menschen wird allerdings ambulant behandelt, da es gar nicht so viele stationäre Therapieplätze gibt und dies in vielen Fällen nicht nötig ist. Bei etwa der Hälfte der Patientinnen und Patienten entwickelt sich zusätzlich im Laufe einer nicht adäquat behandelten Zwangsstörung eine Depression, weil sie keine Hoffnung, keinen Lebensmut und keinen Antrieb mehr haben. Manchmal ist diese Depression so schwer, dass zuerst diese Begleiterscheinungen behandelt und die betroffenen Menschen stabilisiert werden müssen, bevor die eigentliche Therapie beginnen kann. Werden Zwänge immer stärker und ausgeprägter? In den allermeisten Fällen ist das so. Betroffene werden sozusagen Sklaven der eigenen Angst. Man möchte unbedingt vermeiden, dass etwas Schlimmes passiert – und dadurch wird die Angst immer grösser, die durch Zwänge wieder neutralisiert wird. Eine Therapie ist angesagt, wenn das eigene Leben oder das der Mitmenschen beeinträchtigt ist. Ist die Anzahl Betroffener gestiegen? Es ist schwierig, eine genaue Zahl zu nen- 8 Schweizer Hausapotheke 1-2020

nen, da wir die Dunkelziffer nicht kennen. Vor zehn Jahren hat man noch gesagt, dass es ein bis zwei Prozent der Bevölkerung betrifft. Heute gehen wir davon aus, dass es drei Prozent sind. Aber ritualisiertes Verhalten gab es schon immer. Kann eine Zwangsstörung geheilt werden? Wenn sie rein pharmakologisch behandelt wird, ist die Rückfallgefahr gross. Deswegen ist es wichtig, zusätzlich eine spezifische Psychotherapie, die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie, zu machen. Die beängstigenden Gedanken, welche die eigentlichen Auslöser für Zwangshandlungen sind, verschwinden zwar nicht immer, aber der Umgang damit ist veränderbar und die Zwangsstörung somit heilbar. Etwa bei siebzig Prozent haben wir Erfolg. Das sind gute Aussichten, die allen Betroffenen Mut machen sollten. Wieder draussen im schönen Garten spüre ich die Komplexität dieses Themas. Ich hoffe, dass Betroffene und Angehörige dieses Interview lesen werden; und viele die Scham überwinden und offen werden für eine erlösende Therapie. Zur Person: Dr. Charles Benoy ist leitender Psychologe der stationären Spezialabteilung für Zwangsstörungen am Zentrum für Psychosomatik und Psychotherapie der Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Zwangsstörungen. Eine Krankheit, • die von den Betroffenen oft aus Scham verheimlicht wird • die viel Leid und Einschränkungen mit sich bringen kann • welche sich meist auch auf die Angehörigen auswirkt • deren Symptome den Betroffenen und Angehö- rigen oft unheimlich sind • deren Ursachen individuell unterschiedlich sind über die immer noch viel zu wenig Menschen informiert sind • für die es wirksame Behandlungsmethoden gibt Aus der Informationsbroschüre «Die heimliche Krankheit – Zwangserkrankung» (SGZ) Weitere Informationen: upk.ch zwaenge.ch Sylvia Felber ist Redaktionsleiterin der Schweizer Hausapotheke seit 1991, Heimweh-Baslerin und FCB-Fan. Schweizer Hausapotheke 1-2020 9

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