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Nr. 2 / 2018

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90 Jahre – modern wie nie! In der aktuellen Ausgabe der Schweizer Hausapotheke biegen wir ein ins Jubiläumsjahr. Unter anderem beleuchten wir wie es früher war. Als Vergleichsquelle diente unser Archiv..

Mythen rund um die

Mythen rund um die überaktive Blase – was stimmt und was nicht? Das Thema Inkontinenz – also unfreiwilliges Wasserlassen – ist unangenehm. Eine solche Körperfunktion nicht in Griff zu haben, ist eine grosse Belastung und gilt als Tabuthema in unserer Gesellschaft. Doch es kreisen auch viele Mythen rund um das Thema. Wir nehmen diese unter die Lupe und verschaffen Klarheit. Gemäss einer europäischen Studie leiden 16 Prozent der Gesamtbevölkerung der über 40-jährigen Männer und Frauen an einer überaktiven Blase (over active bladder = OAB), 60 Prozent dieser Personen suchen ärztlichen Rat, aber nur 27 Prozent erhalten eine medikamentöse Therapie. 1 Die Lebensqualität wird oft sehr stark eingeschränkt – ob im Privatleben oder Job. Doch was ist genau OAB respektive eine Reizblase? Es handelt sich dabei um eine eher kleine, nervöse Blase, die sich zu oft entleeren möchte, auch bei kleinster Blasenfüllung. Elastischer Wasserbeutel Man kann sich die Blase auch als elastischen Wasserbeutel mit Verschlusssystem vorstellen. Wenn der Verschluss schwach ist, genügt zum Harnverlust schon ein Hustenstoss, ein Lachen oder eine rasche körperliche Bewegung. Das nennt man Belastungsinkontinenz. Bei der Dranginkontinenz zieht sich die Blase (Blasenmuskel) hingegen schon bei geringster Füllmenge unter heftigem Drang zusammen. Die Blase selber drückt den Verschluss auf und man verliert unkontrolliert Urin. Dies passiert häufig beim Kontakt mit Wasser, beim Schlüssel suchen vor der Haustüre, oder gerade vor Erreichen der Toilette. Sehr viele Patienten leiden aber an einer Mischform. Das heisst sie haben sowohl einen schwachen Verschluss wie auch eine eher kleine, überaktive Blase, die sich unkontrolliert zusammenzieht. Ursachen Die Ursachen für die Belastungsinkontinenz sind vor allem auf Schliessmuskel- und Beckenbodenschwäche, also auf eine Störung des Verschlusssystems, zurückzuführen. Durch Schwangerschaften, Geburten, Hormonmangel, chronische Verstopfung, chronischen Husten, aber auch durch die natürliche Gewebealterung kommt es zu einer Bindegewebs- und Muskelschwäche und in der Folge kann dies zu Organsenkungen und zur Inkontinenz führen. Bei der Dranginkontinenz sind die Ursachen auf Reizungs- und Entzündungszustände zurückzuführen. Diese Reizungs- und Entzündungszustände können entstehen, wenn jahrelang zu wenig getrunken wird, oft verfrüht die Blase entleert wird und viele Reizgetränke (z. B. Alkohol, Kaffee, Schwarztee und Früchtetee, Säfte aus Zitrusfrüchten) getrunken werden. Aber auch immer wiederkehrende Harnröhren- und Blasenentzündungen, Scheidenentzündungen, Hormonmangel, Organsenkungen und neurologische Erkrankungen können eine Ursache sein. Nach wie vor kreisen viele Mythen um die Reizblase. Welche stimmen und welche sind frei erfunden? Mythos 1: Inkontinenz ist nicht therapierbar Die Inkontinenz ist eine chronische Krankheit und ist therapierbar. Der Therapieansatz ist multimodal, also aus verschiedenen Behandlungsbausteinen bestehend. So gehören beispielsweise Trinkverhalten und Blasentraining, Beckenbodentraining sowie die medikamentöse Behandlung dazu. Ein nicht zu unterschätzender Beitrag ist zudem das Zuhören. Viele Patienten leiden stark unter der Inkontinenz und brechen nur ungern ihr Schweigen. Mit einer Fachperson darüber zu sprechen, ernstgenommen zu werden und bei Therapierückschlägen begleitet zu werden ist ein wichtiger Faktor für einen positiven Behandlungsverlauf. Ziel einer jeden Behandlung ist es, die Symptome wie vermehrter Harndrang, häufiges und nächtliches Wasserlassen sowie Harnverlust zu beheben oder zumindest zu lindern. Mythos 2: Bei der Behandlung einer Inkontinenz hilft nur intensives Beckenbodentraining Eine Belastungsinkontinenz kann sehr gut mit Beckenbodentraining behandelt werden, da es das Verschlusssystem stärkt. Bei der Dranginkontinenz kann es hingegen die Drangblase nervöser machen und die Symptome verschlimmern. Bei der Behandlung wird daher eine auf den Patienten und die Ursachen abgestimmte Therapie gewählt. Mythos 3: Die hyperaktive Blase gehört zum Älterwerden Inkontinenz ist keine «Alterserscheinung». In einer 2005 veröffentlichten Studie aus Österreich bleibt die Häufigkeit einer trockenen hyperaktiven Blase über 6 De kaden nahezu konstant, wäh- 34 Schweizer Hausapotheke 2-2018

25 Frauen n=1’219 Tipps im Umgang mit einer Blasenschwäche 20 Männer n=1’199 frühzeitig darüber sprechen – Sie sind nicht alleine Probanden (%) 15 10 viel trinken 1 bis 2 Liter/Tag wenig Reizgetränke (Alkohol, Cola, Kaffee, Schwarz- und Früchtetee, Säfte aus Zitrusfrüchten) sowie ausgewogene Ernährung allfälligen Nikotinkonsum reduzieren 5 Work-Life-Balance sowie viel Bewegung schonende Intimpflege (um Entzündungen vorzubeugen) 0 30–39 40–49 50–59 60–69 Altersgruppen Hormonmangel behandeln vorbeugendes Beckenbodentraining Abbildung 1: Häufigkeit der überaktiven Blase in Österreich 2 . rend die nasse hyperaktive Blase ab der 4. Lebensdekade deutlich zunahm (vgl. Abbildung 1). Bei Männern stieg die Häufigkeit einer hyperaktiven Blase nahezu linear ab dem 30. Lebensjahr an. Ab dem 60. Lebensjahr hat nahezu jeder Mensch Symptome einer hyperaktiven Blase. 2 Mythos 4: Ausschliesslich Frauen sind von Inkontinenz betroffen Männer und Frauen sind betroffen, auch wenn nicht gleich stark. In der 2005 veröffentlichten Studie von Temml et al. sind 10,2 Prozent der Männer von einer überaktiven Blase betroffen. Bei den Frauen sind es 16,8 Prozent. 2 Bei den Frauen führen oft Schwangerschaften und Geburten zu einer Inkontinenz, da dadurch das Bindegewebe sowie die Muskeln geschwächt werden. Mythos 5: Nichts trinken bedeutet weniger Harndrang Genau das Gegenteil ist der Fall. Der Drang wird noch stärker, der Urin schärfer, die Blase schmerzt, wird kleiner, zieht sich unkontrolliert zusammen bis hin zum Urinverlust. Untersuchungen empfehlen eine Trinkmenge von täglich etwa 1 bis 2 Liter. Trinken Sie die Flüssigkeit gleichmässig über den ganzen Tag. Nächtliche Toilettengänge vermeiden Sie, indem Sie das meiste davon vor 18 Uhr trinken. Gehen Sie vor dem Schlafengehen noch einmal auf die Toilette. Kein Tabuthema Wichtig ist, das Schweigen zu brechen und mit einer Fachperson proaktiv über Blasenprobleme zu sprechen. So kann die Ursache für die Blasenschwäche geklärt und eine gezielte Therapie eingeleitet werden. Damit das Leben wieder lebenswert wird. Referenzen 1. Milsom I, et al. How widespread are the symptoms of an overactice bladder and how are they managed? A population-based prevalence study. BJU Int 2001;87(9):760-766. 2. Temml C, et al. Prevalence of the overactive bladder syndrome by applying the International Continence Society definition. Eur Urol 2005;48(4):622-627. Schweizer Hausapotheke 2-2018 35

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