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Nr. 4 / 2019

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Ich habe immer schon

Ich habe immer schon gerne geschrieben. Meine Deutschlehrer lobten meine Aufsätze. Das hat immer Spass gemacht und fiel mir sehr leicht. Das Musikalische in mir musste ich mit viel Fleiss verdienen. Ich lernte zuerst Klarinette, später Gitarre und Akkordeon. Ich finde Musik ein unglaublich schönes Medium Fotos aus dem Buch «Liebespaare bitte hier küssen!» (eine fotografische Spurensuche im städtischen Hinterland, Jess Jochimsen, 2013) Foto: Britt Schilling Sie sind viel unterwegs. Macht Sie das manchmal einsam? Ich bin manchmal einsam. Aber ich bin nicht einsamer als andere Menschen. Zudem finde ich Einsamkeit – solange sie selbst gewählt ist – nichts Verkehrtes. Die Welt ist ganz schön laut und voll. Der Rückzug aus diesem Tumult, Leistungslärm, Gerede und der Befeuerung mit Schlagzeilen ist wunderbar und wichtig. Wenn ich künstlerisch arbeite, brauche ich diese Stille. Ich habe genug Gesellschaft auf der Bühne, mit der Familie und meinen Freunden. Zudem finde ich Langeweile nichts Schlimmes. Essen immer auswärts. Schlafen in Hotels. Zehrt das? Das zehrt, ja. Aber der Beruf einer Zahnarztassistentin, eines Spenglers, einer Aufsichtsratsvorsitzenden, eines Spediteurs oder einer Kindergärtnerin zehrt auch. Sie werden einfach nicht immer gefragt, wie sie sich fühlen. Ich finde mich unglaublich privilegiert, dass ich von der Kunst leben kann. Deswegen bin ich weit davon entfernt, zu jammern. Ich fahre nun einmal von Theater zu Zur Person Theater, aber das ist ja Jess Jochimsen ist 1970 in München geboren, nicht das ganze Jahr. studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Unterm Strich bin ich Philosophie und lebt als Autor und Kabarettist recht viel zu Hause. in Freiburg. Seit 1996 wird er regelmässig mit Als die Kinder klein Preisen ausgezeichnet. waren, konnten wir die Erziehung zu gleichen Teilen übernehmen. Das können auch nicht alle. Ich möchte nicht jammern. Das wäre es – auf absolut hohem Niveau – und das möchte ich auf keinen Fall. Jeder Mensch hat gute und schlechte Tage. Sie auch? Was wir tun, ist nicht nur ein Talent, sondern ein Handwerk. Auch ein Schreiner hat mal einen schlechten Tag und trotzdem wird der Tisch wunderbar vollendet. Wenn ich wirklich einen schlechten Tag habe, so versuche ich den Tag so zu gestalten, dass zumindest das Publikum am Abend nichts merkt. Diese Professionalität leben fast alle Künstler. Man gibt ja immer weit mehr als hundert Prozent – an einem der seltenen, wirklich schlechten Tage sind es immer noch 80 bis 90 Prozent. Und das ist schlussendlich kaum spürbar. Es gibt andere Faktoren, die wir nicht beeinflussen können. Im Publikum sitzen nie Menschen, die alle die gleiche Meinung haben. Vielleicht möchte ein Teil des Publikums etwas einfach nicht hören. Politische Satire kann anecken. Auch Gegenwind ist eine Reaktion, nicht nur 8 Schweizer Hausapotheke 4-2019

der Applaus. Ich fühle mich der ganz alten satirischen Schule verpflichtet, die Auswüchse der Macht benennt und darüber erzählt. Hatten Sie schon Blockaden? Ja, die gibt es. Es entsteht viel am Schreibtisch. Man denkt immer, dass einen die Muse küsst und alles einfach zufällt. Ganz ohne Idee geht es nicht. Aber manchmal, wenn man sich hinter ein Thema setzt oder ein Auftragsthema erhält, kann es schon zwei, drei Tage gehen, bis etwas aufs Papier kommt. Ich mache meinen Job jetzt 27 Jahre. Meistens entwickelt sich innerhalb nützlicher Frist etwas Gutes. Aber Panik kann es schon geben. Das ist bei Künstlern weit verbreitet – auch bei mir. Aber nicht krankhaft! Und Lampenfieber? Leider immer. Wir haben ja auf der Bühne keine vierte Wand. Das heisst, das Publikum sitzt genau vor mir. Ich brauche diese Interaktion mit dem Publikum. Ich kann auch nicht, wie bei einem Film, die Szene x-mal wiederholen. Jedes Publikum hat ein Anrecht auf einen gescheiten Abend – es will gut unterhalten werden. Im Wort Unterhaltung steckt auch das Wort Haltung drin. Die Unterhaltung soll auf keinen Fall seicht sein; und das kann eben Lampenfieber oder auch Druck auslösen. Aber ich würde es nicht als negativ bezeichnen. Zudem habe ich einen grossen Respekt vor dem Publikum. Wo holen Sie Inspiration? Manche Dinge erarbeite ich mir hart. Ich lese jeden Tag Zeitungen und höre Nachrichten. So kristallisiert sich irgendwann ein Bild heraus. Über die Idee der Demokratie, die ich vehement verfechte, erarbeite ich mir die Felder, über die ich reden möchte. Es entstehen einzelne Fragmente, die ein Ganzes geben. Ich habe das dringende Bedürfnis, über schlecht laufende Dinge in der Politik auf der Bühne zu sprechen. Wo treten Sie am liebsten auf? Es gibt ein paar Herzensbühnen. Zum Beispiel in der Stadt, in der ich lebe: das Vorderhaus in Freiburg. Es ist immer wieder aufregend, wenn die Menschen, mit denen ich verbunden bin, alle kommen: von der Fussballmannschaft bis zum Bäcker. Dann natürlich, weil ich aus München stamme, die Lach- und Schiessgesellschaft. Als ich dort das erste Mal auftreten durfte, sass noch Dieter Hildebrandt im Publikum – das war für mich sehr berührend. Es gibt aber auch die Theater in der Schweiz: Ich darf zum Beispiel schon sehr lange im Teufelhof in Basel und natürlich auch im La Cappella hier in Bern spielen. Das ist für mich sehr wichtig und immer eine Art Nachhausekommen. Was kommt in Ihrem Leben zu kurz? Es gibt immer wieder Dinge, die zu kurz kommen. Wenn es mich zu sehr plagt, dann versuche ich mit Nachdruck, daran zu schrauben oder mich zu organisieren. Die Dinge, die ich mir wirklich wünsche, sind in meinem Leben glücklicherweise nicht teuer. Ich brauche viel «Herumsitzerei» im Kaffeehaus, Zeitung lesen, dumm in die Gegend gucken, die Sonne ins Gesicht scheinen lassen, in mein Notizbuch kritzeln oder in den Bergen wandern. Wenn ich keine Zeit für solche Momente finde, leide ich. Das sind alles Dinge, die nicht unerreichbar sind für mich. Ich brauche keine Luxusgüter. Ich lebe mit und bin umgeben von Menschen, die ich liebe – das ist für mich sehr wichtig. Wie schaffen Sie einen Ausgleich? Ich muss mich bewegen. Ich spiele seit ein paar Jahren wieder aktiv Fussball. Ich betreibe diesen Sport lieber als ich ihn schaue. Das sind heute Brot und Spiele! Ich gehe auch in den Wald laufen und schwimme viel. Haben Sie eine Leidenschaft ausserhalb der Bühne? Ich bin ein Leser. Ich lese, wann immer es geht. Das hat nicht nur mit meinem Beruf zu tun. Seit ich lesen kann, haben mich Bücher nicht mehr losgelassen. Ich habe manche Nacht mit der Taschenlampe lesend verbracht. Heute noch habe ich immer ein Buch dabei. Diese «Lesezeit» ist mir sehr wichtig. Ich verzichte dafür auf Social Media, das zu schnell für einen langsamen Denker wie mich ist. Ich lese zirka hundert Bücher pro Jahr. Es gibt so viele Geschichten und Bücher, die ich noch nicht gelesen habe … Ich nenne lesen Der neuste Roman von Jess Jochimsen heisst: Abschlussball Roman, 312 Seiten, gebunden, dtv 2017 Menschen erzählen sich Geschichten, um zu leben. Und für den Tod brauchen sie die Musik. Wer sich eingehend über Auftritte, Bücher, Buchtipps und mehr informieren möchte, besucht die Webseite: jessjochimsen.de gerne auch Reisen im Kopf. Meine Lieblingsbücher sind auf meiner Webseite (jessjochimsen. de) beschrieben. Viele Bücher habe ich mehrmals gelesen. Zum Beispiel von Autoren wie Erich Kästner, Mark Twain oder Kafka. Haben Sie ein Vorbild? Nicht in dem Sinne, dass ich exakt so wie XY sein möchte. Ich hatte immer grosse Hochachtung vor Dieter Hildebrandt, der in der politischen Satire herausragend war. Haben Sie Träume? Klar, Träume sind wichtig. Es sind aber alles Träume, die ich irgendwann realisieren kann. Eine Reise durch Amerika ist ein grosser Traum für mich. Ich habe aber auch politische Träume. Mit meiner Arbeit kann ich unmittelbar dort, wo ich lebe, etwas beitragen oder bewirken. Ich unterstütze viele kleine Initiativen mit Spenden oder Benefiz- Auftritten. Ein grosser Wunsch von mir ist, dass unser Zusammenleben allgemein herzlicher, höflicher und weniger gemein wird. Ich bin weit davon entfernt, ein Weltretter zu sein, habe aber den Anspruch, Ungerechtigkeiten zu benennen. Dieser Traum ist umsetzbar und lässt mich hoffen. Eine Stunde sass ich im schönen Vorgarten des La Cappella auf einem warmen Kissen. Das Gespräch war gehaltvoll, Mut machend und sehr offen. Ich war ein wenig unterkühlt, der 5. April war – trotz der vielen Sonnenstrahlen – nicht so warm, um lange draussen zu sitzen. Das wurde mir aber erst bewusst, als ich mich bei Jess Jochimsen bedankte und auf Wiedersehen sagte – denn ich bin sicher, dass ich ihn bald wieder auf der Bühne erleben werde – wo auch immer … Sylvia Felber ist Redaktionsleiterin der Schweizer Hausapotheke seit 1991, Heimweh-Baslerin und FCB-Fan. Schweizer Hausapotheke 4-2019 9

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