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Nr. 7 Oktober/November 2017

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Beschwingt durch den Herbst

Zerrbild der

Zerrbild der Männlichkeit Der Film «Pumping Iron» mit Muskelprotz Arnold Schwarzenegger machte 1977 das damals noch recht unbekannte Bodybuilding weltbekannt und änderte seither das Männerbild drastisch. Doch die neue Muskelmode brachte auch eine neue Krankheit hervor: die Muskelsucht. Ein Männerbild jenseits der Realität. Der Streifen gilt in der Bodybuilder-Szene heute noch als Kultfilm. Der eigentliche Bodybuilding-Hype ist glücklicherweise abgeflaut, doch die Szene ist weiterhin aktiv. Man müsse wohl davon ausgehen, dass ein Grossteil der «richtigen» Hardcore-Bodybuilder anabole Steroide nehme, sagte bereits 2013 der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin Klaus-Michael Braumann im Interview mit Spiegel Online. Sogar Filmstar Silvester Stallone und Arnold Schwarzenegger haben ihren Konsum öffentlich zugegeben. Im Film retten Helden mit gestählten Oberkörpern die Welt, auf Werbeplakaten posieren Männer mit nackten Oberkörpern, deren körperliche Perfektion für die meisten unerreichbar ist. Die Aktionsmänner aus Plastik, mit denen fast jeder kleine Junge spielt, haben ihre Bizepsgrösse innert 20 Jahren vergrössert. Schön sein wie Adonis Der Körper ist des Mannes wichtigster Botschafter, sein Statussymbol schlechthin, um – am liebsten vor dem Spiegel – sich selbst betrachten zu können. Ist kein Spiegel vorhanden, reichen auch Selfies, um den Narzissmus auszuleben. Heute begegnet man(n) dem Bild des perfekten Mannes in der Werbung auf Schritt und Tritt. Ein Trend, von dem sich immer mehr Vertreter des starken Geschlechts mitreissen lassen. Sportlich, durchtrainiert und dynamisch auszusehen ist wichtig geworden, vor allem den Männern selbst und kommt oft einem Suchtfaktor gleich. 18 Schweizer Hausapotheke 7-2017 Kein Wunder also, dass sich so mancher Mann – Körperkult als Ursache – mehr «Muckis» (Muskeln) wünscht. Dieser Wunsch nach vielen Muskeln gilt in vielen Fällen als Initialzündung, kann aber auch schnell zur Sucht werden. Dann spricht man von Muskelsucht, Bigorexie oder eben Adonis-Komplex; viele Namen für ein und dasselbe Problem. Eine Störung des Selbstbilds, die vorwiegend bei Männern anzutreffen ist. Der eigene Körper wird als viel zu schwach und mickrig wahrgenommen. Davon profitieren auch die Bodybuilding- und Fitnessstudios, welche wie Pilze aus dem Boden schiessen. Denn die neue Männergeneration hat sich einer Selbst-Retusche unterzogen; endlich kann der Mann einfach nur schön sein – und zwar für sich. Die Optimierung seines Körpers darf die Gesellschaft selbstverständlich dennoch teilen: Mit Tattoos, Waschbrettbauch und Bizeps kommen Ansehen und Erfolg – im Beruf, bei den Frauen und nicht zuletzt beim Sex. Idealerweise praktiziert auf dem virtuellen Marktplatz der Eitelkeiten, in der Badi, Sauna oder auf dem Fussballfeld, aber auch privat. Wenn jemand bereits unsicher wirkt oder ein geringes Selbstwertgefühl hat, kann dies verheerend wirken. Zum gestörten Selbstbild gesellt sich notabene ein gestörtes Essverhalten. Es kommt nur noch auf den Tisch, was das Muskelwachstum fördert, besonders eiweissreich muss es sein; gern auch als Proteindrinks. Sportlich, durchtrainiert und dynamisch auszusehen ist wichtig geworden, vor allem für Männer selbst; denn süchtig nach Muskeln, unterliegen sie immer mehr dem Schönheitsdiktat der Gesellschaft. Körperliche Merkmale wie breite Schultern und ein Oberarmumfang von 40 Zentimetern aufwärts suggerieren nicht nur Fitness, sondern auch Durchsetzungsfähigkeit und Disziplin. Dass manche Männer beim Bodybuilding zu weit gehen, zeigt das Krankheitsbild der Muskeldysmorphie. Ein Anzeichen dafür kann sein, wer dem Aufbau von Muskeln die oberste Priorität im Leben beimisst, und diese Erkenntnis wird deshalb – wie bereits erwähnt – als Adonis-Komplex bezeichnet. Dieser Zwang oder Muskelsucht wurde nach Adonis, dem griechischen Gott der Schönheit genannt. Vorab auch Jugendliche betroffen Streben nach Muskeln ist vor allem unter jungen Männern – unter sogenannten Teenagern – weit verbreitet. Sie fangen an, sich mit anderen in ihrem Alter zu vergleichen, werden aber auch von zahlreichen Medien wie dem Fernsehen, Zeitschriften und Internet beeinflusst und setzen sich ein Ziel, um mit der schönen und muskulösen Männerwelt mitzuhalten. Doch die Folgen können gravierend sein. Wenn nämlich der Körperkult zur Krankheit wird, greifen viele zu gefährlichen Mitteln: Anabolika, das umstrittene Muskelaufbaupräparat, hat Nebenwirkungen, welche von Leberschäden und einem erhöhten Herzinfarktrisiko bis hin zum Unterbruch des Wachstums bei Jugendlichen führen können. Schon vor zwei Jahren kam die Stiftung Gesundheitsförderung in Zusammenarbeit mit Psychologen der Zürcher Hochschule für an-

gewandte Wissenschaften anhand einer Studie zum Schluss, dass 48 Prozent der befragten Buben in unserem Land gerne mehr Muskeln hätten – 30 Prozent sogar deutlich mehr. In Amerika kann davon ausgegangen werden, dass 20 bis 30 Prozent der jungen männlichen Trainierenden in den Fitnessstudios Bigorexie- Symptome aufweisen oder bereits eine ausgebildete Körperbildstörung haben. So bringt die Muskelsucht eine Vielzahl von Problemen mit sich. Beim Blick in den Spiegel sind viele, wie gesagt vor allem junge Männer, mit ihrem Aussehen nicht zufrieden. Sie träumen von überstarken Oberarmen, von einem Sixpack und einem knackigen Hintern, wie sich solche in vielen Fitnesszeitschriften bewundern lassen. Meist haben Betroffene deshalb nicht nur unter Minderwertigkeitskomplexen zu leiden, sondern auch unter Depressionen und Ängsten. Die absolute Fixiertheit auf den eigenen Körper und das Training führen oft zu Problemen in Beziehungen, im Freundeskreis und im Job. Bei der Muskeldysmorphie, wie das Problem auch genannt wird, dreht sich bei den Betroffenen alles nur noch ums Training; sie fangen an, ihren gesamten Tag danach zu richten. Dafür nehmen sie sogar einen Jobwechsel in Kauf, wenn sich die Arbeitszeiten nicht mit der Trainingszeit vereinbaren lassen. Um ihr angestrebtes Idealbild zu erreichen, stellen viele Personen ihr Leben auf ihr Trainingsprogramm und die dazugehörende Ernährung ab und leben in der Überzeugung, dass sich mit dem Waschbrettbauch alle Probleme von selbst lösen. Ein Privatleben haben die meist zutiefst unglücklichen Männer nicht mehr. Auch für den Körper selbst birgt die Muskeldysmorphie Risiken: Muskelsüchtige entwickeln häufig Essstörungen (bei Männern eher als eine Frauenkrankheit eingestuft) und nutzen anabale Steroide, die teilweise starke Nebenwirkungen haben. Gefährliche Schwarzmarktdrogen zum Muskelaufbau sind weit verbreitet; rund drei Millionen Männer in den USA nehmen erwiesenermassen Anabolika. Leider ist der Übergang zwischen Spass am Sport, Körperkult und Sucht fliessend und nur schwierig zu bemerken. Besser ist es natürlich, es erst gar nicht so weit kommen zu lassen. Wichtig ist zunächst, dass Sport immer Spass macht und nie zur Qual werden darf, das heisst, er sollte nie zu einem Zwang werden. Eher muss darauf geachtet werden, dass Sport nie zum Haupt-Lebensinhalt wird. Ohne soziale Kontakte kann nämlich ein Mensch nicht glücklich werden. Wer sich daran hält, muss in der Regel keine Angst haben, irgendwann süchtig nach Muskeln zu werden. Deshalb eben: gut durchtrainiert ja, aber gerade bei Muskeltrainings gibt es ein Zuviel des Guten! Wer sich gefährdet oder meint, bereits unter Muskelsucht zu leiden, sollte eine Psychotherapie beginnen. Ein entscheidender Schritt ist dabei, den Betroffenen klar zu machen, dass sie ein Problem haben und was dessen Kern ist. Eine professionelle Unterstützung stellt das wirksamste Mittel gegen diese Störung dar. Nicht zuletzt um so wieder ein vernünftiges, realistisches Bild von sich und dem eigenen Körper aufbauen zu können. Denn Familie, Partner und Freunde verstehen meist diese Körperbesessenheit nicht. Ironie des Schicksals zum Schluss: Mehrere Untersuchungen in Amerika und Europa haben ergeben, dass gerade junge Frauen einen normalen männlichen Körperbau bevorzugen und Muskelprotze abschreckend finden. Jacqueline Trachsel Journalistin BR, seit 1994 als selbständige Journalistin/Redaktorin für diverse Medien Die neuen biORGANIC PureWay-C ® Vegicaps sind die natürlichen Stars am C-Himmel – 240 mg Vitamin C – 100 % vegetarisch – mit Zitronenschalenextrakt – mit pflanzlichen Speisefettsäuren Erhältlich in Drogerien und Apotheken. Vertrieb / Distribution: Gisand AG, CH-3013 Bern Pharmacode: 7126632 Inserat PureWay 189x126 .indd 1 18.09.17 09:03 Schweizer Hausapotheke 7-2017 19

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