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Vom Umgang mit Grenzen

Vom Umgang mit Grenzen Die Forderung nach Integration ruft unweigerlich Fragen der Abgrenzung auf. Die Angst, die eigene Identität zu verlieren, gehört ebenso zu den seelischen Grundausstattungen wie das Bedürfnis dazuzugehören. All unser Denken und Fühlen beruht auf Unterscheiden. «Differenziertes» Denken ist nur das Fremdwort für die Fähigkeiten Unterschiede wahrzunehmen. Kleine Kinder können nur beschränkt verschiedene Dinge unterscheiden und – auf dieser Voraussetzung fussend – wiedererkennen. Ordnungen Die Erforschung der kognitiven Entwicklung (d.h. der Wahrnehmungsfähigkeit und des Denkens mit Hilfe der Sprache) gibt uns ein recht genaues Bild, wie Abgrenzung, Zuordnung und Verknüpfung der erkannten Gegenstände und Sachverhalte aufgebaut werden. Am Anfang steht die Unterscheidung (Diskriminierung): Mit Hilfe der gehörten Laute und unendlicher Repetitionen prüfen gesunde Säugling und Kleinkinder, welche visuellen, akustischen und geschmacklich-geruchlichen Eindrücke zusammengehören und welche nicht dazu gehören. Das Kind hört immer wieder «Ball» (Gehör) und das immer dann, wenn sich etwas bewegt und sich dadurch vom Hintergrund abhebt (Augen). Zudem ist «Ball» immer rund. Wenn man reinbeisst, schmeckt er nach Stoff. Schmeckt er aber süss-säuerlich, sagen die älteren nicht mehr Ball, sondern Apfel. So lernt das Kind Wahrnehmungen zu unterscheiden und zuzuordnen. Erste Sicherheiten Um Vorstellungen zusammenzubauen braucht es also Abgrenzung (Differenzierung der Wahrnehmungsempfindungen in allen Sinnesorganen) und Zuordnung (welche der verschiedenen gleichzeitigen Empfindungen bilden zusammen diesen bestimmten Gegenstand ab). Bei dieser Zuordnung hilft die Sprache. 30 Schweizer Hausapotheke 8-2017

Entsprechen sich die aufgebaute Vorstellung und das aktuelle Erleben, wenn sich der Vorgang (die Wahrnehmung) wiederholt, folgt eine gut beobachtbare, befriedigte Sicherheit. Erwachsene erleben das als sich wiederholendes Spiel. Mit diesem «Spielen» erobert sich ein Kind sie auch neue Stoffe «erfinden», indem die abgegrenzten Teile zu früher nicht vorhandenen Gebilden zusammengebaut werden. Alle unsere Erkenntnisse und Erzeugnisse – von der Wahrnehmung bis zum geordneten Denken und Erfinden – beruhen auf Abgrenzung. Ohne Um nicht wahnsinnig zu sein (zu werden), brauchen wir Abgrenzung! Gleichmacherei Aber: Wie viel Abgrenzung brauchen wir? Unser Denken – und damit auch unser Fühlen – ist aber die Welt! Eine stabile Ordnung der Dinge ist schon auf dieser Entwicklungsstufe eng mit Ruhe, Freude und Entspannung verbunden. Haben sich erste Vorstellungen gebildet, tritt eine grosse, emotional gut sichtbare Verwirrung auf, wenn im Experiment bereits bekannte Zuordnungen künstlich getrennt resp. vermischt angeboten werden. Beispielsweise wird dem Säugling das ihm schon vertraute Gesicht der Mutter mit einer fremden Stimme oder mit «falschen» Gerüchen angeboten. Die daraus erwachsende Verwirrung ruft markanten Rückzug, Angstsymptome oder gar Apathie (Teilnahmslosigkeit) hervor. Abgrenzung Die Welt der Dinge, ihrer Zugehörigkeiten, Eigenschaften, Fähigkeiten ist eine unendliche Kette dieser Vorgänge. Ein grosser Teil der Wissenschaften besteht darin, neu «sehen» zu lernen. In der Schule wird gelehrt, worauf man achten soll. Die Linguistik erforscht, worin sich verschiedene Sprachen und Dialekte unterscheiden. Die Chemie versucht immer differenzierter, die Bauteile der stofflichen Welt auseinanderzuhalten, sprich voneinander abzugrenzen. Nur wenn ihr das gelingt, kann Unterscheidung der verschiedenen Wahrnehmungsreize und der Entscheide, welche Impulse zu einem Ganzen zusammengehören und welche wegzulassen sind, würden wir auf dem geistigen Niveau des Säuglings bleiben – unfähig zu überleben. Nur dadurch gewinnen wir Ordnungen in unseren Alltag und Überblick über unsere Welt. Je höher die Bildung, desto differenzierter lernen wir wahrzunehmen, desto vielfältiger Abgrenzungen und Zusammenhänge zu erkennen. Selbstbild und Identität Wenn wir von innerseelischen Vorgängen reden, grenzen wir solches Erleben ab von dem, was ausser uns geschieht. Wem diese Abgrenzung misslingt, erscheint uns psychotisch, wahnhaft. Wer wir selber sind, wissen und erspüren wir im Vergleich mit andern. Dazu müssen wir uns erst von andern abgrenzen können. Gleich sein mit jemand anderem wäre «identisch» sein; wollen wir gleich sein wie unser Idol, nennen wir dies «uns identifizieren». Der Unterschied zwischen Wahnsinn und Identifizierung liegt im Wissen darum, dass wir nicht mit dem Idol identisch sind, sondern bei aller eventuell erreichbaren Ähnlichkeit zwei getrennte Individuen bleiben. hierarchisch geordnet. Wir sind alle Menschen, aber nicht alle sind Frauen resp. Männer. Das haben wir mit etwa zwei Jahren gelernt. Wo sind die Unterschiede? Welche Unterschiede brauchen wir und welche ganz klar nicht? Wenn ich sage «jede» und «jeder», unterscheide ich die Menschheit scheinbar biologisch; aber ist diese Unterscheidung korrekt und sinnvoll? Sind Frauen eine Einheit? Schalten wir da nicht alle gleich? Sind die Unterschiede zwischen Mädchen und Knaben bedeutender als zwischen den einzelnen Buben? So sind sicher nicht alle Schweizer gleich und auch nicht mal alle Schweizerinnen. Ebenso gibt es die Ausländer nicht. Wörter können das Denken in die Irre führen. Sie geben den Eindruck von Einheiten, Zusammengehörigkeit und Identitäten, die in der praktischen Wirklichkeit nicht existieren. Die Abgrenzung – so nötig sie für unsere Welterfassung ist – kann uns böse Streiche spielen. Die Sprache (Propaganda) kann Vorstellungen erzeugen, an denen wir uns orientieren, obwohl sie reine Erfindungen sind. Ein Wort stiftet eine Einheit (bestimmt vielerlei als gleich), die vielleicht gar nicht existiert. Verschiedene Sprachen unterscheiden sich gerade auch darin, welche Einheiten und Aus- Sun-Snack: Trockenfrüchte und Nüsse sind ein willkommenes, gesundes Geschenk zu jedem Anlass. naturel & sain Sun-Snack AG natürlich & gesund naturale & sano Schweizer Hausapotheke 8-2017 31

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