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Nr. 4 / 2021

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Späte Hilfe Wenn der

Späte Hilfe Wenn der Alltag von Zwängen bestimmt ist, belastet das Betroffene enorm. Doch die Scham ist gross, deswegen den Arzt zu konsultieren. Im Schnitt nehmen Menschen mit Zwangsstörungen erst nach sieben bis zehn Jahren Hilfe in Anspruch. In der Schweiz leiden etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung an Zwangsstörungen. «Um eine Zwangsstörung handelt es sich, wenn die zwanghaften Handlungen länger als zwei bis drei Wochen andauern und so wichtig werden, dass nicht mehr darauf verzichtet werden kann», erklärt Dr. med. Christine Poppe, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefärztin am Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden in Herisau. Bedeutet das, dass Menschen, die vor dem Verlassen der Wohnung überprüfen, ob der Kochherd ausgeschaltet ist, an einer Zwangsstörung leiden? «Nein nicht unbedingt», sagt Christine Poppe, «Die meisten Menschen befolgen gewisse Rituale oder bauen Kontrollhandlungen in ihren Alltag ein.» Das sei ganz normal. Rituale vermitteln ein Gefühl von Sicherheit. Zwangshandlungen wirken sich hingegen negativ auf den Alltag aus, und Betroffene leiden massiv darunter. Wer zum Beispiel die Hände jeden Morgen vor dem Verlassen der Wohnung zwanzig Mal nach einem bestimmten Ritual waschen muss und deshalb regelmässig zu spät zur Arbeit kommt, leidet an einer Zwangsstörung. Betroffene wissen, wie sinnlos ihre Handlungen sind, können aber nicht darauf verzichten. Breites Spektrum Zwangsstörungen lassen sich in Zwangsgedanken und Zwangshandlungen unterteilen. Unter Zwangsgedanken leidet zum Beispiel eine junge Mutter, die permanent Angst davor hat, ihr Neugeborenes fallen zu lassen oder der Autofahrer, der ständig befürchtet, er könnte jemanden überfahren. «Den Betroffenen gelingt es nicht, diese Gedanken loszulassen. Sie empfinden diese als sehr belastend», weiss Christine Poppe. 10 Schweizer Hausapotheke 4-2021 Wasch- und Putzzwänge sind die häufigsten Zwangshandlungen. Aus Angst, sich und andere mit Bakterien oder Viren zu infizieren, waschen Betroffene die Hände beispielsweise nach dem Berühren einer Türklinke, bis die Angst nachlässt. Viele Menschen, die von einem Waschzwang betroffen sind, erleben die COVID-19-Pandemie als besonders herausfordernd. Für manche ist es schwierig, beim Händewaschen die empfohlene Dauer von 20 Sekunden nicht zu überschreiten. Am zweithäufigsten treten Kontrollzwänge auf. Betroffene fürchten, durch Unachtsamkeit oder Versäumnis eine Katastrophe auszulösen. Bekannt ist auch der Sammelzwang. Dabei sammeln Betroffene zum Beispiel Verpackungsmaterial oder Zeitungsartikel, weil sie denken, dass sie diese Dinge vielleicht irgendwann brauchen könnten. Für diese Menschen sind Gegenstände emotional bedeutsam. Würden sie die meist wertlosen Dinge weggeben oder entsorgen, fühlten sie sich nicht mehr komplett. Beim Ordnungszwang auferlegen sich Betroffene sehr strenge Ordnungskriterien und verbringen viel Zeit damit, diesen Massstäben gerecht zu werden. T-Shirts und Pullis werden zum Beispiel immer nach dem gleichen Schema gefaltet und nach Farben sortiert im Schrank aufbewahrt. Weniger bekannt ist der Wiederholungszwang, bei dem Betroffene alltägliche Handlungen eine Zeit lang wiederholen, weil sie fürchten, dass es zu einer Katastrophe kommen könnte, falls die Handlung nicht richtig beziehungsweise perfekt ausgeführt würde. Manchmal ist dies mit einem Zählzwang verbunden, wobei Betroffene zwischen guten und schlechten Zahlen unterscheiden. Eine seltene Form der Zwangsstörung ist die zwanghafte Langsamkeit, bei der Handlungen in Zeitlupentempo ausgeführt werden. Ursachen Die genauen Ursachen von Zwangsstörungen sind unbekannt. «Neurobiologische und psychologische Faktoren spielen eine Rolle», sagt Christine Poppe. Zu den Ersteren zählt unter anderen die Überfunktion bestimmter Hirnregionen. Dies führt dazu, dass zum Beispiel ein Gedanke in eine Endlosschleife gerät. Ein weiterer Faktor ist das Ungleichgewicht von Serotonin und Dopamin im Gehirn. Von psychologischen Faktoren spricht man, wenn normale automatische Gedanken des Bewusstseinsstroms plötzlich zur Katastrophe werden oder jemand für alle Gefahren die Verantwortung zu tragen glaubt. Kurzfristig hat ein Zwang einen positiven Effekt auf die Psyche, weil er zur Entlastung führt. Zusammenhang mit Entwicklungsschritten Oft sind Menschen von Zwangsstörungen betroffen, die sehr gewissenhaft und verantwortungsbewusst sind. Sie überbewerten Gefahren. Häufig haben sie Selbstwertprobleme und Schwierigkeiten im Umgang mit unangenehmen Gefühlen. «Zwangsstörungen treten familiär gehäuft auf», sagt Christine Poppe, «Die Anfälligkeit, jedoch nicht die Krankheit selbst, wird vererbt.» Wenn also eine Mutter an der Krankheit leidet, bedeutet dies nicht, dass ihr Sohn ebenfalls an einer Zwangsstörung erkrankt. Zwangserkrankungen treten häufig im Zusammenhang mit Entwicklungsschritten auf, zum Beispiel mit Beginn einer neuen Ausbildung, nach einer Heirat, einer Geburt, wenn Betroffene mit der Situation überfordert sind. Bereits Kinder können an Zwängen leiden. Die Erkrankung beginnt jedoch meist mit Anfang 20, selten nach dem 40. Lebensjahr. Gravierende Folgen Zwangspatienten sind sich der Sinnlosigkeit ihres Zwanges bewusst. Im Moment des Zwangs verlieren sie jedoch häufig diese distanzierte Betrachtungsweise und haben Mühe, dem Zwangsimpuls zu widerstehen. Zwangsstörungen führen häufig zu Selbstzweifeln. Betroffene schämen sich dafür. Oft kommt zur Zwangsstörung eine Depression hinzu. Zwänge

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